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Jan Keetman -
Istanbul
Der irakische Kurdenführer peilt einen
unabhängigen Kurdenstaat an
Der Präsident der autonomen kurdischen
Region im Norden Iraks, Massud Barzani,
möchte, dass sich die Nachbarn an den
Gedanken eines unabhängigen Kurdenstaates
gewöhnen. Die Türkei hat damit aber grösste
Mühe.
Türken, Iraner und Araber sollten es weder
als «schändliches Benehmen» noch als
«Drohung» betrachten, wenn die Kurden von
ihrem Recht sprächen, sagte Barzani. In
einem Interview mit einem türkischen
Nachrichtenkanal wandte sich Barzani auch
direkt an den türkischen Generalstabschef
Yasar Büyükanit und riet ihm von einem
militärischen Eingreifen in Nordirak ab.
Eine grenzüberschreitende Aktion des
türkischen Militärs könnten die irakischen
Kurden nicht akzeptieren: «Auch für uns ist
unsere Souveränität wichtig», sagte Barzani.
Gleichzeitig stritt Barzani die von der
türkischen Armee erhobene Beschuldigung ab,
die nordirakischen Kurden unterstützten die
gegen die Türkei kämpfenden kurdischen
PKK-Rebellen. Auch für die PKK-Stützpunkte
am Berg Kandil, nahe der iranischen Grenze,
lehnte Barzani die Verantwortung ab. Es sei
schwer, die Grenzregionen zu kontrollieren,
und die Türkei solle nicht hoffen, dass die
nordirakischen Kurden gegen die PKK vorgehen
würden. In frühern Jahren war sich Barzani
dafür nicht zu fein, aber damals waren die
irakischen Kurden ja noch zwischen Saddam
und der Türkei eingeklemmt.
Volksabstimmung geplant
Zum Leidwesen Ankaras besteht Barzani vor
allem auch auf der Durchführung einer für
Jahresende geplanten Volksbefragung in der
erdölreichen Stadt und Region Kirkuk. Der
Volksentscheid soll klären, ob Kirkuk Teil
der autonomen kurdischen Schutzzone in
Nordirak werden oder wie bisher ein Teil von
Gesamtirak bleiben soll.
Nach Barzanis Ansicht ist Kirkuk nicht nur
nach Geschichte und Geographie ein Teil
Kurdistans, sondern gar «das Herz
Kurdistans». Im Gebiet um die etwa 300
Kilometer nördlich von Bagdad gelegene Stadt
sind sechs Ölfelder mit den grössten
Reserven des Landes.
Streit um Bevölkerungsanteil
Die Türkei beschuldigt die Kurden, durch
eine gezielte Bevölkerungspolitik den Anteil
der Kurden in Kirkuk vor der Volksabstimmung
erhöhen zu wollen; sie ist für eine
Verschiebung des Urnengangs, am besten in
alle Ewigkeit. Dem hält Barzani entgegen,
dass die Türkei zur Bevölkerungspolitik
Saddams in Kirkuk geschwiegen habe, obwohl
nicht nur Kurden, sondern auch die von
Ankara heute protegierten Turkmenen negativ
betroffen gewesen seien. Saddam hatte
gezielt Araber in der Stadt angesiedelt, um
die kurdische Mehrheit zu verdrängen.
Barzani fühlt sich anscheinend recht sicher,
sonst würde er die Türkei nicht so offen
herausfordern. Zu seiner starken Position
trägt sicher bei, dass er weiss, dass die
Kurden bald die letzten Verbündeten der USA
in Irak sind. Sie stellen eine verlässliche
und starke Truppe, die unter irakischer
Fahne mittlerweile auch in den Strassen
Bagdads im Einsatz sind.
Der türkische Aussenminister Abdullah Gül
erinnerte dagegen vor kurzem daran, dass
Mossul und Kirkuk nach dem 1. Weltkrieg von
der Türkei an Irak abgetreten wurden und
dass sie also zur Türkei gehörten, sollte
der irakische Staat wieder
auseinanderfallen.
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