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Dietrich
Alexander-Berlin
Einmal in der Woche
setzt Heba Qotb ihre Maske auf. So nennt sie
das Poker-Face unter dem Kopftuch, mit dem
sie im Fernsehen zu sehen ist. Und dann
bricht sie aufs Neue Tabus. Millionen
Zuschauer im Nahen und Mittleren Osten
lieben sie dafür. Strenggläubige
Religionswächter sind schockiert.
Heba Qotb ist eine konservative Muslimin und
den islamischen Traditionen verpflichtet.
Ihr Haar hält sie peinlich genau mit einem
Kopftuch bedeckt. Von ihrer äußeren
Erscheinung würde man ihr nicht zutrauen,
dass sie jede Woche im ägyptischen Fernsehen
Tabus bricht.
Ihr Thema: Sex. Offen, deutlich,
detailliert. Geradezu revolutionär in einer
Gesellschaft, in der Sexualität keine
Öffentlichkeit hat, in der Themen wie
Homosexualität totgeschwiegen werden und
sexuelle Aufklärung weder in Schulen noch
sonst wo erfolgt. Die Heranwachsenden müssen
sich ihre Informationen zumeist aus dem
Internet oder aus einschlägigen Magazinen
holen, ältere Geschwister oder Freunde zu
Rate ziehen. Kurz vor der Heirat kommen die
lieben Verwandten mit allen möglichen
Ratschlägen, die Wissensdefizite in Sachen
Sex aber bleiben bestehen.
Dies zu ändern ist die 39-jährige Mutter
dreier Töchter, die an der Universität von
Kairo forensische Medizin unterrichtet,
angetreten. Sie vollzieht mit jeder Sendung
eine diffizile Gratwanderung. Ihr gelingt
das Kunststück, über sehr intime Themen in
einer Art zu reden, die die religiösen
Gefühle der Strenggläubigen nicht verletzt.
Wie sie das macht? "Ich setze ein
maskenartiges Gesicht auf und achte darauf,
dass ich den richtigen Ton treffe", sagt
Qotb, die an der privaten
Maimonides-Universität im US-Bundesstaat
Florida studiert und ihre Dissertation über
das Thema "Sexualität im Islam" geschrieben
hat.
Heba Qotb ist eine Berühmtheit - nicht nur
in Ägypten. Anruferinnen aus dem gesamten
Nahen und Mittleren Osten überhäufen sie mit
Fragen intimster Natur - und schockieren die
strenggläubigen Religionshüter. Qotb
begegnet deren Empörung geschickt mit
ständigen Verweisen auf den Islam. "Ich bin
sehr stolz auf meine Religion", sagt sie,
"meine Studien haben mir offenbart, dass der
Islam in sexuellen Dingen immer führend war,
dass er Sexualität eher verstanden hat als
der Rest der Welt." Selbst im Koran und in
den Hadithen, den überlieferten Gebräuchen,
Verboten und Lebensgewohnheiten des
Propheten Mohammed, werde offen über
Sexualität und sogar Lust am Sex gesprochen.
Die berühmten amerikanischen Sex-Forscher
Masters und Johnson haben, so Qotb, in den
50er-Jahren davon gesprochen, dass auch die
Frauen ein Recht auf Freude am Sex hätten.
"Der Islam hat das schon vor mehr als 1400
Jahren festgestellt und zum Beispiel die
Wichtigkeit des Vorspiels thematisiert."
Die Ratschläge in ihrer Sendung "Kalam
Kabir" (Große, ernsthafte Debatte) im
unabhängigen privaten Kanal al-Mahwar fußt
Heba Qotb zumeist auf pure Biologie, um sich
nicht angreifbar zu machen. Denn ihre Themen
schockieren die religiöse Führung, Fanatiker
könnten sie als Ketzerin anprangern - was
glücklicherweise nocht nicht geschehen ist.
Denn sie kennt ihre Grenzen: Entsprechend
islamischer Auslegung bezeichnet sie
Homosexualität als "Krankheit" und wirbt für
freudvollen Sex - aber ausschließlich in der
ehelichen Gemeinschaft. "Der Ehepartner
sollte der erste und einzige Sexualpartner
sein", sagt die Sex-Beraterin. Das sehe der
Islam vor, und auch die moderne Wissenschaft
beweise, "dass zu viele Sexualpartner, wie
im Westen üblich, den Menschen nicht
guttun".
Sie ist der Auffassung, dass sexuelle
Probleme, Ignoranz und gesellschaftlicher
Druck verantwortlich sind für bis zu 80
Prozent der Scheidungen in der gesamten
arabischen Welt. "Viele Frauen wissen nichts
über ihren Körper, ganz zu schweigen von
Sex", beklagt sie. "Sie wachsen auf mit der
Überzeugung, Sex ist nur für die Männer und
im Übrigen eine schmutzige Sache.
Heba Qotb besetzt eine große Lücke im
arabischen Fernsehen. Sie bricht immer neue
Zuschauerrekorde. Der Bedarf an Information,
an Anteilnahme und Beratung ist groß. Eine
Anruferin konstatiert, im Islam sei das
Schlafzimmer wie ein Grab: Keine Information
kommt nach draußen. Eine andere sucht Rat,
nachdem sie entdeckt hat, dass ihr
neunjähriger Sohn vor zwei Jahren
vergewaltigt worden war. Eine dritte will
wissen, ob sie durch Masturbation ihre
Jungfräulichkeit verliert.
Kein Thema, das nicht professionell und
zugleich sensibel von Heba Qotb angegangen
wird. Abier al-Barbary, Psychotherapeut an
der Amerikanischen Universität in Kairo,
lobt die Arbeit der Kollegin: "Es ist ein
längst überfälliges Thema, geschmackvoll
aufbereitet."
Die Pionierin der sexuellen Befreiung in der
arabischen Welt hält den Bezug zur Realität
über ihre Praxis aufrecht, die sie in Kairo
auch noch betreibt. "Sexualtherapeutin und
Eheberaterin" steht an ihrer Tür - auf
Englisch. Heba Qotb ist mutig, berühmt,
respektiert - und vorsichtig.
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