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Jürgen Kaube
Das gegenwärtige bildungspolitische Angebot
an deutsche Abiturienten lautet so: Studiert
bitte, denn wir brauchen hochqualifiziertes
Personal dringender denn je (wg. Weltmarkt,
Demographie, Wissensgesellschaft und so
weiter). Studiert dabei am besten
Geisteswissenschaften, denn das kommt uns
nicht so teuer, und für die Universitäten,
vor allem für die Lehre wollen wir ja nicht
mehr als unbedingt nötig ausgeben (siehe
Hochschulpakt, Bildungsanteile am
öffentlichen Haushaltsvolumen,
Betreuungsverhältnisse).
Studiert aber auf jeden Fall nicht so lange,
am besten nur sechs, sieben Semester bis zum
Bachelortitel, der für die meisten von euch
ja auch vollkommen ausreicht. Dann seid ihr
- die Schulzeit haben wir ja auch gerade um
ein Jahr verkürzt - höchstens zweiundzwanzig
und habt alle Zeit der Welt, um euch nach
Praktikumsplätzen umzuschauen, auf denen
ihr, aller Erfahrung nach, mindestens drei,
vier Jahre verweilt. Unterdessen stellen wir
euch schon einmal als „erfolgreich am
Arbeitsmarkt plaziert“ in unsere Statistiken
ein.
Nehmt euch einen Kredit
Vergesst als Studenten dabei allerdings
nicht, ein bisschen Geld zurückzulegen, denn
für all das unterbreiten wir euch folgenden
Finanzierungsvorschlag: Ihr zahlt 500 Euro
pro Semester, unabhängig davon, was ihr
studiert, und auch unabhängig davon, was
eure Hochschule mit diesem Geld macht (zum
Beispiel wie kürzlich aus Ulm berichtet,
ihre erhöhten Heizkosten bezahlen). Wenn ihr
das und die von uns ermittelten 730 Euro an
monatlichen Lebenshaltungskosten von
Studenten nicht anders aufbringen könnt,
nehmt euch einfach einen Kredit. Die Zinsen
für Studien- und Studiengebührenkredite
liegen derzeit zwischen 5,95 (Kreditanstalt
für Wiederaufbau) und 7,2 Prozent (L-Bank,
Baden-Württemberg). Das läuft, je nach
Studienlänge, bei Inanspruchnahme des
Durchschnittskredits und einer Tilgung über
25 Jahre auf Beträge zwischen 40.000 und
90.000 Euro Rückzahlung hinaus.
Klingt teuer. Aber dafür haben viele von
euch dann ja auch einen Mastertitel und sind
vielleicht sogar promoviert worden, was euch
an den Hochschulen selbst für eine Stelle
qualifizieren würde, die monatlich etwa 3000
Euro brutto einbrächte, sofern es sie denn
gäbe.
Effizienz und Mobilität
Bei solchen Möglichkeiten werdet ihr es
bestimmt ertragen, dass wir die
Ausbildungsförderung für Kinder
einkommensschwacher Eltern - im Durchschnitt
375 Euro, maximal 585 Euro monatlich - seit
2001 nicht mehr angehoben haben und es auch
in diesem Jahr nicht tun. Das entspricht
einem Kaufkraftverlust von etwa acht
Prozent, aber dafür dürft ihr nach unserer
BaföG-Novelle nunmehr 400 Euro monatlich
hinzuverdienen, was zwar einerseits wieder
die Studienzeit verlängert, euch aber
andererseits auch schon einmal mit eurem
künftigen Leben als Mehrfachjobber vertraut
macht. Außerdem sind ja Grundnahrungsmittel
und Bücher von der Mehrwertsteuererhöhung
nicht betroffen.
Also, wie gesagt, Abiturienten, studiert
bitte, denn Bildung ist etwas, ganz, ganz
Wichtiges für uns. Studiert schnell
(Effizienz!), studiert auch im Ausland
(Mobilität!) und arbeitet nebenher
(Praxiserfahrung!). Und bevor wir's
vergessen: Wenn möglich während des Studiums
Kinder bekommen, denn Kinder sind uns auch
ganz, ganz wichtig.
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