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Nick Brauns
Vor 60 Jahren
zerschlugen iranische Truppen die mit
sowjetischer Hilfe gegründete kurdische
Republik von Mahabad
Mit dem kampflosen Einmarsch iranischer
Truppen in die Stadt Mahabad endete Mitte
Dezember 1946 die Geschichte des ersten
kurdischen Staates der Neuzeit. Knappe elf
Monate vor der Rückeroberung des Gebietes
durch die Armee von Mohammad Reza Schah
Pahlavi hatte der Richter Ghazi Mohammed am
23. Januar 1946 auf dem Vier-Lampen-Platz
der kurdischen Stadt im Nordwesten des Iran
die »Republik Kurdistan« ausgerufen. Der
zukünftige Präsident der kurdischen Republik
trug dabei zu einer Generalsuniform der
Roten Armee den traditionellen weißen Turban
seines religiösen Amtes. Diese Kleidung
symbolisiert das widersprüchliche Bündnis
zwischen der Sowjet¬union und den kurdischen
Stämmen.
Staat und
Kultur
Tatsächlich stand die Sowjetunion Pate für
diese kurzlebige kurdische Republik. Während
des Zweiten Weltkrieges rückten einem
britisch-sowjetisch-iranischen Vertrag vom
Januar 1942 gemäß britische Truppen in den
Süden Irans ein und sowjetische Truppen in
den Norden. Zwischen den Zonen entstand ein
Machtvakuum. Um den Einfluß der USA und
Großbritanniens auf den Iran zurückzudrängen
und Ölkonzessionen in Nordpersien zu
erlangen, hatten sowjetische Agenten bereits
Anfang der 40er Jahre Kontakte zu kurdischen
Intellektuellen und Stammesführern
aufgenommen. Insbesondere das 1943 in
Mahabad gegründete Komitee für die
Auferstehung Kurdistans (Komala) geriet
zunehmend unter den Einfluß Moskaus. Auf
sowjetischen Rat wählte die
Untergrundorganisation den angesehenen
Richter Ghazi Mohammed zum Vorsitzenden,
trat dann 1945 an die Öffentlichkeit und
benannte sich in Demokratische Partei
Kurdistans (DPKI) um. Das Manifest der DKPI
berief sich auf die Versprechen der
Atlantik-Charta und forderte Autonomie der
Kurden im Iran, kurdisch als Unterrichts-
und Amtssprache, den Aufbau der Wirtschaft
und des Gesundheits- und Bildungswesens
sowie friedliche Beziehungen zu den anderen
Volksgruppen im Iran.
Nachdem am 12. Dezember 1945 in Tabriz eine
Autonome Republik Aserbaidschan unter
kommunistischer Führung ausgerufen wurde,
nutzten die Anhänger der DKPI die Gunst der
Stunden und stürmten den Justizpalast von
Mahabad. Sie hißten die rot-weiß-grüne
kurdische Nationalfahne mit der gelben Sonne
und wählten ein Nationalparlament mit 13
Ministern, das Ghazi Mohammed zum
Präsidenten der Republik Kurdistan
bestimmte.
Die frisch gegründete Republik umfaßte
ungefähr ein Drittel des kurdischen
Siedlungsgebietes im Iran mit rund einer
Million Einwohnern. Sie erstreckte sich von
Baneh und Sardascht im Süden entlang eines
schmalen Streifens an der irakischen und
türkischen Grenze bis nach Maku und zur
sowjetischen Grenze.
Die bedeutendsten Leistungen vollbrachte die
Republik auf kulturellem Gebiet. Der
asketisch lebende und kosmopolitisch
gebildete Ghazi Mohammed hatte die beiden
Dichter Hajar und Hemin in seinem
Beraterstab berufen. Kurdisch wurde zur
Amts- und Unterrichtssprache. Auf einer von
der UdSSR zur Verfügung gestellten
Druckpresse wurden kurdischsprachige
Lehrbücher und Zeitschriften publiziert.
Während kurdische Dichter pro forma
Lobeshymnen auf Stalin verfaßten, blieb eine
Sowjetisierung wie in der
aserbaidschanischen Republik allerdings aus.
Feudale Großgrundbesitzer innerhalb der DPKI
stellten sich gegen eine Landreform. Die
Mehrzahl der strenggläubigen Stammeskurden
wahrte gegenüber der atheistischen
Sowjetunion Distanz, da sie die blutigen
Kriegszüge des zaristischen Rußland im
Osmanischen Reich nicht vergessen hatten.
Für kurdische Patrioten in allen Teilen der
auf vier Staaten aufgeteilten Nation wirkte
Mahabad als Magnet. Der legendäre
Partisanenführer Mustafa Barsani kam mit
tausend Stammeskriegern und ihren Familien
auf der Flucht vor irakischen
Regierungstruppen nach Mahabad. Der Vater
des jetzigen Präsidenten der kurdischen
Regionalregierung im Nordirak wurde neben
Ghazi Mohammed zum starken Mann der
Republik.
Kurdische Offiziere der irakischen Armee
desertierten, um ihr Wissen den Nationalen
Streitkräften von Mahabad zur Verfügung zu
stellen, und der kurdischstämmige Offizier
der Roten Armee Saladin Kasimov wurde als
Militärberater geschickt. Die zugesagte
sowjetische Militärhilfe blieb allerdings
weitgehend aus. Statt der versprochenen
Panzer wurden lediglich Gewehre, einige
Lastwagen und Jeeps geliefert. Die
angekündigten Panzerabwehrwaffen entpuppten
sich als normale Molotowcocktails. So war
die Republik von Mahabad auf den Schutz der
UdSSR angewiesen.
Iranischer
Überfall
Als es der Sowjetunion im Frühjahr 1946
gelang, die geforderten Ölkonzessionen in
Nordpersien zu erhalten, mußte sich die Rote
Armee im Gegenzug aus dem Iran zurückziehen.
Dies war das Todesurteil für die kurdische
und aserbaidschanische Republik. Genau ein
Jahr nach der aserbaidschanischen
Unabhängigkeitserklärung stürmte die
iranische Armee am 10. Dezember Tabriz und
setzte die Volksregierung ab. Nachdem sich
eine Reihe kurdischer Stämme aufgrund
antisowjetischer Ressentiments von der
Kurdischen Republik abgewandt hatten, mußte
auch Mahabad kampflos kapitulieren. Am 17.
und 18. Dezember wurden zahlreiche Kurden,
darunter Ghazi Mohammed, verhaftet. Der
ehemalige Präsident der Kurden-Republik
wurde zusammen mit seinem Vetter Seif und
seinem Bruder Sadr im Morgengrauen des 31.
März 1947 auf dem Vier-Lampen-Platz
hingerichtet. Wieder einmal waren die Kurden
zum Opfer der Weltpolitik geworden. »Nicht
von der iranischen Armee wurden die Kurden
besiegt. Es war vielmehr die Sowjetunion,
die von den USA und von Großbritannien
besiegt worden ist«, meinte Mustafa Barsani,
der mit 500 Kriegern im Juni 1947 ins
sowjetischen Exil geflohen war. Die
kurzlebige Republik von Mahabad wurde zum
Symbol kurdischer Selbstverwaltung und ist
es bis heute geblieben.
Im vergangenen Jahr kam es nach der
Ermordung eines jungen Kurden durch
iranische Sicherheitskräfte in Mahabad zu
Massenprotesten gegen das Teheraner Regime.
Seitdem haben Auseinandersetzungen zwischen
kurdischen Guerillakämpfern und der
iranischen Armee zugenommen. Hartnäckig
halten sich Gerüchte, die kurdische Guerilla
würde von den USA und Israel unterstützt.
Die iranische wäre ebenso wie die syrische
und türkische Regierung gut beraten, die
Erkenntnis von Archie Roosevelt jr. zu
beherzigen, der 1946/47 als
stellvertretender US-Militärattache in
Teheran gedient hatte: »Wenn die Staaten, in
denen die Kurden leben, ihren kurdischen
Bevölkerungsteilen einen gewissen Grad
lokaler Selbstverwaltung zugestehen und den
Versuch aufgeben, ihnen einen fremden
Nationalismus aufzuzwingen, dann kann es
ihnen gelingen, eine Staatstreue zu
schaffen, die der der Schweiz mit ihrer aus
vielen Nationen bestehenden Bevölkerung
vergleichbar ist. (...) Eine ähnliche
Politik könnte im Iran, wenn er von
ausländischer Unterwanderung verschont
bliebe, eher zu größerer Einigkeit als zu
Loslösungsbestrebungen unter zwei der Völker
dieser Nation führen.«
Quellentext:
Die Gründe des Scheiterns der kurdischen
Republik:
Dieser jüngste Versuch, einen kurdischen
Staat zu gründen, endete mit der Besetzung
Mahabads durch iranische Truppen. Wie
frühere Versuche schlug er hauptsächlich
deshalb fehl, weil unter den Kurden selbst
Uneinigkeit herrschte. Es ist ein Dilemma
des kurdischen Nationalismus, daß nicht nur
seine Führer, sondern praktisch seine
gesamte Massenbasis von den gebildeteren
Stadtbewohnern kommen muß, während seine
militärische Stärke immer nur von den
Stämmen und ihren Führern kommen mußte.
Während des Jahres 1946 verhielten sich die
kurdischen Stämme, von Natur aus Gegner
jeglicher Regierungskontrolle, gegenüber
Ghazi Mohammed ebenso widerspenstig, wie sie
sich der Zentralregierung gegenüber
verhalten hatten, obwohl Ghazi zu ihrem
eigenen Volk gehörte.
Wegen dieser Einstellung und wegen ihres
Mißtrauens gegenüber Ghazis Verbindungen zu
den Sowjets schlugen sich fast alle Stämme
auf die Seite der iranischen Armee. Der
wichtigste unmittelbare Grund für den
Zusammenbruch der Republik war das
Ausbleiben der sowjetischen Unterstützung.
Eine junge und starke nationalistische
Partei, die eine Mehrheit der gebildeteren
Kurden hätte einigen können, wurde von
Ausländern unterwandert, die sie für ihre
eigenen Zwecke benutzten und dann nichts
gegen ihre Vernichtung unternahmen. Der
Kleinstaat war unter dem Schutz der Roten
Armee errichtet worden und er bestand nach
Abzug der Roten Armee nur weiter, da die
Möglichkeit ihrer Rückkehr bestand. Als die
Kurden nicht mehr länger darauf hoffen
konnten und die iranische Regierung diese
Rückkehr nicht länger befürchten mußte, gab
es keine Überlebensmöglichkeit mehr für
Ghazi Mohammeds Bewegung.
Aus: Archie Roosevelt jr.
»Die kurdische Republik Mahabad« (1947), in:
Gerard Chaliand (Hg.), Kurdistan und die
Kurden, Bd. 1, Göttingen 1984 |
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