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Nikolas
Busse- Frankfurt
Es ist der Albtraum aller
Sicherheitsbehörden: Ein Terrorist bringt
eine Atombombe in einer westlichen
Millionenstadt wie New York zur Explosion.
Das Zentrum wäre verwüstet, Hunderttausende
auf der Stelle tot, viele Viertel
verstrahlt, in den Jahren danach kämen
unzählige Strahlentote und Krebspatienten
hinzu. Der Schaden für die betroffene
Volkswirtschaft würde viele Milliarden Euro
betragen, eine globale Rezession wäre nicht
auszuschließen. „Die Terroranschläge des 11.
September 2001 sähen dagegen wie eine
Fußnote der Geschichte aus“, bemerkte vor
kurzem der amerikanische Politologe Richard
Haass.
Daß solche Schreckensszenarien nicht
Hollywood-Drehbüchern entspringen, ist seit
Jahren bekannt. In Rußland, das mit 16.000
Atombomben das größte Arsenal auf der Welt
unterhält, haben die Behörden im Jahr 2002
zweimal Versuche von Terroristen gestört,
ein Nuklearwaffendepot auszukundschaften.
Die japanische Sekte Aum Shinrikyo hatte
schon 1993 (erfolglos) versucht, in
Australien Uran abzubauen, und es hoch
anzureichern. Hochangereichertes Uran dient
in Atombomben als Sprengstoff.
Zwielichtige Gestalten an Nuklearmaterial
interessiert
Solche Rückschläge haben das Interesse
zwielichtiger Gestalten an Nuklearmaterial
nicht geschmälert. Das amerikanische
Heimatschutzministerium hat jetzt eine
Statistik veröffentlicht, wonach sich die
erkannten Versuche von Nuklearschmuggel (und
verwandter krimineller Aktivitäten) in den
vergangenen fünf Jahren mehr als verdoppelt
hat: Im Jahr 2000 wurden 100 Vorfälle
gezählt, 2005 waren es 215.
Die Zunahme dürfte auch darauf
zurückzuführen sein, daß die Aufmerksamkeit
der Behörden sich erheblich gesteigert hat;
so wird in Amerika inzwischen 80 Prozent
aller Fracht, die ins Land kommt, nach
radioaktivem Material durchsucht. Daß es
überhaupt eine nennenswerte Zahl von
Vorfällen gibt, zeigt aber, daß sich ein
internationaler Schwarzmarkt für gefährliche
strahlende Substanzen gebildet hat, auf dem
sich auch Terroristen bedienen können.
Atomsprengköpfe aus Plutonium
Tatsächlich sind in den vergangenen Jahren
immer wieder Versuche aufgedeckt worden,
gerade hochangereichertes Uran oder
Plutonium zu verschieben. Plutonium ist der
andere Stoff, aus dem Atomsprengköpfe
gemacht werden. Nach einer Aufstellung der
Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA)
sind zwischen 1993 und 2005 16 Fälle von
Schmuggel mit den zwei Substanzen
registriert worden. In einigen Fällen wurden
sogar Mengen im Kilogrammbereich
beschlagnahmt; in anderen handelte es sich
um kleinere Proben, die zur Anbahnung
größerer Geschäfte dienen sollten. Die
größten Vorkommnisse waren die
Sicherstellung von 363 Gramm Plutonium am
Münchner Flughafen im Jahr 1994 und die
Festnahme eines Mannes in Sankt Petersburg
im Jahr zuvor, der 2,97 Kilogramm
hochangereichertes Uran verkaufen wollte,
die er zuvor aus einer Atomanlage gestohlen
hatte.
Zum Bau einer Atombombe reichen solche
Mengen noch lange nicht aus. Als Faustregel
gilt, daß man für eine Kernwaffe mit der
Sprengkraft der Hiroshima-Bombe etwa 50
Kilogramm hochangereichertes Uran benötigt;
technisch ausgereiftere Modelle benötigen
nur die Hälfte oder vier bis zehn Kilogramm
Plutonium. Es ist nicht bekannt, daß es
einer Terroristengruppe bisher gelungen ist,
solche Mengen zusammenzukaufen. Der nukleare
Schwarzmarkt scheint derzeit ohnehin mehr
ein Verkäufer- als ein Käufermarkt zu sein:
Soweit Motive bekannt würden, sei in der
Regel Profitgier die treibende Kraft der
Geschäfte, heißt es bei der IAEA.
Beschaffung von hochangereichertem Uran
Trotzdem nimmt kein Fachmann den
Nuklearschmuggel auf die leichte Schulter.
Charles Ferguson vom „Council on Foreign
Relations“, einem bekannten
Forschungsinstitut in New York, hat in einer
Studie festgestellt, daß die Beschaffung von
genug hochangereichertem Uran die einzige
Hürde sei, die Terroristen zu überwinden
hätten, wenn sie in den Besitz einer
Atombombe kommen wollten. Da ihr Sprengsatz
nicht modernen militärischen Anforderungen
entsprechen müsse, könnten sie auch ohne
Hilfe staatlicher Stellen eine einfache
Kernwaffe herstellen.
An Vorräten des brisanten Materials herrscht
kein Mangel: Weltweit gibt es etwa 1.850
Tonnen hochangereichertes Uran, gelagert vor
allem in den Militäreinrichtungen der
Kernwaffenstaaten. Hinzu kommen mehr als 40
Länder mit zivilen Nuklearprogrammen, in
denen angereichertes Uran anfällt. Nicht
überall sind die Sicherheitsvorkehrungen so
scharf wie in Amerika oder Europa, nicht
überall die Mitarbeiter unbestechlich.
Rußland und Pakistan gelten als die Länder,
in denen illegales Nuklearmaterial gegen
Geld am leichtesten zu beschaffen sein
dürfte.
Pakistan gilt als Risikoland
Andere Wege zur Bombe dürften Terroristen
dagegen auf absehbare Zeit versperrt
bleiben. Daß sie selbst hochangereichertes
Uran oder Plutonium herstellen könnten, gilt
als sehr unwahrscheinlich, weil dazu große
und komplexe Anlagen notwendig sind. Fertige
Waffen zu stehlen oder zu kaufen, dürfte
ebenfalls schwierig sein. Einer Regierung,
die Atomwaffen weitergibt, drohen härteste
Sanktionen; zudem sind die nuklearen
Arsenale in den meisten Ländern bestens
bewacht, die Waffen zusätzlich über
ausgefeilte Codes gesichert. Nur Pakistan
gilt in dieser Hinsicht als Risiko, unter
anderem, weil ein islamistischer Putsch in
diesem Land nie ganz ausgeschlossen werden
kann.
Mit dem Nuklearschmuggel ist aber noch eine
andere, wahrscheinlich sogar unmittelbarere
Gefahr verbunden: Beim Großteil der
registrierten Vorfälle handelt es sich um
illegalen Handel mit schwach strahlendem
Material. Dieses kann ohne großes Fachwissen
zum Bau sogenannter „schmutziger Bomben“
verwendet werden - konventionelle
Sprengsätze, die mit radioaktivem Substanzen
versetzt werden, etwa in Pulverform. Das
ergibt keine Massenvernichtungswaffen,
eingesetzt wie Autobomben könnten solche
Bomben aber erheblichen Schaden und vor
allem große Panik hervorrufen. Nach einer
Modellrechnung der Zeitschrift „Scientific
American“ wäre nach einem Attentat mit einer
größeren Menge Cäsium 137 in einer Großstadt
eine Fläche von bis zu einigen hundert
Quadratkilometern so stark verseucht, daß
sie nach den Richtlinien der amerikanischen
Unmweltschutzbehörde unbewohnbar wäre.
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