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Peter
Dausend-Berlin
Deutsche Regierungen verweisen gern auf ihre
Umweltbilanz. Doch in den Augen von
EU-Kommissar Dimas ist Deutschland alles
andere als ein Vorbild. Der Staatenverbund
beharrt deswegen auf harten Vorgaben für die
deutsche Industrie.
Nach der Veröffentlichung des alarmierenden
Weltklimaberichts verhärten sich die Fronten
zwischen Berlin und Brüssel in einer Reihe
noch offener Klimaschutzfragen. So nimmt
EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso
im Streit zwischen der Bundesregierung und
der Europäischen Union über die Vorgaben für
die deutsche Industrie eine unversöhnliche
Position ein. Die Kommission habe bei ihrer
Klimaschutzbestimmung für den maximalen
Kohlendioxidausstoß "für Deutschland
dieselbe Berechnungsgrundlage wie für andere
Mitgliedstaaten" angewandt, sagte Barroso
dem "Parlament", der Wochenzeitung des
Deutschen Bundestags: "Wir können unsere
Kriterien nicht einfach auf die
individuellen Wünsche einzelner
Mitgliedstaaten zuschneiden. Das wäre
unangemessen und unfair."
In dem Streit geht es um die Obergrenze für
Kohlendioxid (CO2-)Ausstoß von Industrie und
Energiewirtschaft für die Zeit zwischen 2008
und 2012. Brüssel will in Deutschland
lediglich 453 Millionen Tonnen pro Jahr
zulassen, die Bundesregierung will aber
keinen Wert unter 467 Millionen Tonnen
akzeptieren.
Besondere Brisanz erhält die
Auseinandersetzung vor dem Hintergrund des
jüngsten Berichts über die Erderwärmung, den
der Weltklimarat IPCC am Freitag vorgelegt
hatte. Darin werden ein deutlicher
Temperaturanstieg bis zu 6,4 Grad sowie ein
Anstieg des Meeresspiegels um bis zu 59
Zentimeter für das Jahr 2100 vorhergesagt.
Als eine der Kernursachen hierfür wird der
hohe Ausstoß des Treibhausgases CO2 genannt.
Ein weiterer Streitpunkt zwischen Berlin und
Brüssel sind die Vorgaben für die
Autoindustrie. Der EU-Umweltkommissar
Stavros Dimas will die Branche gesetzlich
verpflichten, den CO2-Ausstoß von Neuwagen
ab 2012 im Schnitt auf 120 Gramm pro
Kilometer zu reduzieren. Diesen Wert hatte
die Autoindustrie selbst in einer
freiwilligen Selbstverpflichtung von 1998
angepeilt, bisher aber nicht annähernd
erfüllt. Derzeit liegt der CO2-Ausstoß nach
Berechnungen der Kommission und von
Autoexperten bei 160 Gramm pro Kilometer.
Die Kommission will an diesem Mittwoch
endgültig ihre Klimaschutzstrategie
festlegen.
Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte Mitte
vergangener Woche jedoch angekündigt,
pauschale Auflagen zur Schadstoffminderung
für Autos verhindern zu wollen. Im Gegensatz
zu solchen Bestrebungen in der EU-Kommission
forderte sie die Festlegung
unterschiedlicher Abgaswerte für die
verschiedenen Autoklassen, sodass im
Durchschnitt der gesamten Fahrzeugflotte ein
Wert von 120 Gramm pro Kilometer erreicht
wird.
Diese Äußerungen kritisierte nun wiederum
der Sozialistenchef im Europaparlament,
Martin Schulz. Er billigte Merkel zwar zu,
auch als amtierende EU-Ratspräsidentin in
Brüssel für nationale Interessen eintreten
zu dürfen, fügte jedoch hinzu, die von Frau
Merkel geführte Regierung habe sich die
Bekämpfung des Klimawandels und die
Erfüllung der Kyoto-Ziele zur Aufgabe
gemacht: "Mein Eindruck ist, dass da mehr
die CDU-Vorsitzende gesprochen hat als die
Bundeskanzlerin und die EU-Ratspräsidentin."
EU-Kommissar Dimas warf der Bundesregierung
vor, entgegen ihrer Selbsteinschätzung
"keineswegs Vorreiter beim Klimaschutz" zu
sein. Staaten wie Großbritannien und
Schweden seien näher an ihrem Kyoto-Ziel für
die Reduzierung der Treibhausgase als
Deutschland, andere wiederum versteckten
sich hinter Deutschland. "Erst wenn
Deutschland den schönen Reden Taten folgen
lässt, können auch die anderen sich nicht
mehr verstecken", sagte Dimas der "Bild am
Sonntag".
Entschieden widersprach
Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee
(SPD) diesen Äußerungen: "Ich erwarte eine
sachliche, an Fakten orientierte
Diskussion", so Tiefensee. Kommissar Dimas
blende wichtige Tatsachen aus. So habe
Deutschland den Ausstoß von schädlichen
Klimagasen seit 1990 um 19 Prozent
reduziert. "Deutschland ist es außerdem als
einzigem Land in der EU gelungen, im
Verkehrsbereich die CO2-Emissionen in den
zurückliegenden acht Jahren um 20 Millionen
Tonnen zu senken. Schon heute trägt
Deutschland 75 Prozent der
CO2-Reduktionslast in Europa", bilanzierte
Tiefensee.
Der Grieche Dimas provozierte bei einem
anderen Aspekt des Klimaschutzes gar eine
Reaktion der Kanzlerin. Auf die Empfehlung
von Dimas, Deutschland solle sich an anderen
EU-Mitgliedstaaten orientieren und ein
Tempolimit auf Autobahnen einführen,
entgegnete Angela Merkel: "Viele Autobahnen
haben Beschränkungen, sind mit
Verkehrsleitsystemen ausgestattet oder auf
Richtgeschwindigkeiten ausgerichtet. Das
dient dem Klimaschutz." Ein generelles
Tempolimit sei daher nicht vonnöten.
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