|
Frankfurter Allgemeine
Kaum ein
europapolitisches Thema hat zuletzt soviel
Diskussionen hervorgerufen wie die Frage, ob
die Automobilindustrie gesetzlich zu etwas
gezwungen werden darf, wozu sie sich schon
1999 selbst verpflichtet hat: dem Bau
verbrauchsarmer Fahrzeuge. Nach mehrmaligen
Anläufen will die Europäische Kommission
dazu an diesem Mittwoch eine
Grundsatzentscheidung treffen. Federführend
für den dann auszuarbeitenden
Gesetzesvorschlag ist Umweltkommissar
Stavros Dimas. Der griechische Politiker
steht vor allem in Deutschland in der
Kritik. Mit der Forderung nach einem Gesetz
laufe er „Amok“ gegen die deutschen
Hersteller und begünstige Produzenten
kleiner Fahrzeuge in Italien, Frankreich und
anderen Erdteilen, sagte der
Porsche-Betriebsratsvorsitzende Uwe Hück.
„Es darf keine ungerechtfertigte
Wettbewerbsverzerrung geben“ sagt Dimas im
F.A.Z.-Interview.
Die Europäische
Kommission will ein Gesetz mit dem Ziel
vorschlagen, den Kohlendioxidausstoß von
Neuwagen von 2012 an auf durchschnittlich
130 Gramm je Kilometer zu begrenzen. Was
versprechen Sie sich davon?
Konkrete Zahlen wird die Kommission erst
an diesem Mittwoch nennen. Was ich jetzt
sagen kann, ist, dass die Regelung
Innovationen beflügeln und einen wichtigen
Beitrag zum Umweltschutz liefern wird. Und
sie wird Europa dabei voranbringen, saubere,
wettbewerbsfähige und bezahlbare Autos zu
bauen. Überall auf der Erde besteht eine
Nachfrage nach schadstoffarmen Autos. Nicht
zuletzt in China, wo sich schon heute die
Umwelt in einem besorgniserregenden Zustand
befindet. Dort werden bald mehr Autos fahren
als in Amerika. Dies zeigt, dass
ökonomisches und ökologisches Denken nicht
im Widerspruch stehen.
Aus Deutschland
kommt viel Kritik an Ihren Plänen, weil dort
überdurchschnittlich viele große Fahrzeuge
mit höheren Emissionen gebaut werden. Wollen
Sie deutsche Hersteller benachteiligen?
Wir wollen mit unseren Vorschlägen
keineswegs der Branche schaden. Ich will ein
Beispiel nennen: Porsche muss nicht
befürchten, mit seiner Fahrzeugflotte den
angestrebten Grenzert erfüllen zu müssen.
Wir wollen gegenüber allen fair sein. Dazu
gehört, dass es keine ungerechtfertigte
Wettbewerbsverzerrung geben darf. Wer sich
ein großes Auto leisten kann, der kann sich
auch leisten, mehr für den Klimaschutz zu
zahlen.
Könnten Sie sich
denn vorstellen, wie einst beim Streit um
den Katalysator, einen nach der Motorengröße
differenzierten Ansatz zu wählen?
All dies kann diskutiert werden.
Was erwarten Sie
von Deutschland?
Ich möchte die Bundesregierung ermutigen,
sich beim Klimaschutz an die Spitze der
Bewegung zu setzen. Dann folgt auch der Rest
Europas. Und dann besteht die Chance, dass
sich auch die Vereinigten Staaten und andere
Länder bewegen. Steueranreize könnten dazu
beitragen. Das ist doch auch gut für die
Hersteller.
Was halten Sie
davon, den Straßenverkehr in das
Handelssystem für die Emissionen von
Kohlendioxid einzubeziehen?
Das kann man bei der Überarbeitung des
gesamten Systems des Emissionshandels für
die Zeit nach 2013 prüfen. Einfach ist das
nicht, wenn man berücksichtigt, wie schwer
sich das heutige System mit mehr als 11.000
Anlagen verwalten lässt. Eine Einbeziehung
der Automobilindustrie ist dann in Betracht
zu ziehen, wenn wir den Klimawandel nicht
mit anderen Mitteln wirksam bekämpfen können
und er sich beschleunigen sollte. Wer nur
die Hersteller einbezieht, schafft keinerlei
Anreiz für die Autofahrer, Verbrauch und
damit Emissionen zu drosseln. Für den
Ausstoß von Abgasen sind die Autofahrer
verantwortlich.
Das erinnert an den
Einwand aus der Automobilindustrie, dass sie
nicht für Fahrzeugwahl und Fahrverhalten
verantwortlich seinen. Kann man die
Industrie wirklich für die Verfehlung der
1999 von ihr zugesagten Verringerung des
Flottenverbrauchs auf 140 Gramm je Kilometer
bis 2008 zur Rechenschaft ziehen?
Die Kommission hat damals klargestellt,
dass sie den gesetzlichen Weg beschreiten
werde, falls die Industrie ihren
Verpflichtungen nicht nachkomme. Aber es
geht jetzt nicht um Glaubwürdigkeit, sondern
auch um die praktische Frage, wie wir das in
Kyoto gesetzte Klimaschutzziel einer
Verringerung der Treibhausgase bis 2012 um
acht Prozent erreichen.
Wird es noch in
diesem Jahr einen Gesetzentwurf geben?
Ich denke schon. Entscheidend aber ist,
dass die Gesetzgebung im Jahr 2012 wirksam
wird und sich die Automobilhersteller
rechtzeitig darauf einstellen können.
Wie könnte eine
steuerliche Förderung schadstoffarmer
Fahrzeuge genau aussehen? Schließlich gibt
es, anders als beim Einbau von Katalysatoren
oder Rußpartikelfiltern keine klare
Vorstellung zu den Mehrkosten, die
gegebenenfalls durch steuerliche Anreize zum
Teil oder ganz ausgeglichen werden könnten?
Es ist natürlich Sache der
Mitgliedstaaten, welche steuerliche oder
sonstige Anreize sie gewähren wollen. Es ist
aber selbstverständlich, dass dies nicht mit
Wettbewerbsverzerrungen im Binnenmarkt
einhergehen darf. Uns liegen Schätzungen
vor, wonach die Mehrkosten für ein Auto, das
den geplanten gesetzlichen Anforderungen
genügt, bei durchschnittlich 400 Euro
liegen.
Sollten die
steuerlichen Anreize daran geknüpft werden,
dass die Altfahrzeuge ganz aus dem Verkehr
gezogen werden? Ein Export in
außereuropäische Länder wäre kaum ein
Beitrag zur Bekämpfung des Klimawandels.
Das ist auch keineswegs der Zweck der
Sache. Was in Griechenland Mitte der
achtziger Jahr mit Steueranreize für
Katalysatorautos erfolgreich praktiziert
worden, ist, war, dass beim Kauf von
Neuwagen alte Fahrzeuge nicht weiter
zugelassen bleiben durften, sondern
wiederverwertet wurden.
Warum fahren Sie
keinen umweltfreundlichen Dienstwagen?
Weil uns bis April noch ein
Leasingvertrag bindet. Wenn er ausläuft,
möchte ich mich objektiv an einer Liste der
zehn umweltfreundlichsten Fahrzeuge
orientieren, die mir die Umweltorganisation
WWF aufstellt. Aus dieser möchte ich mein
Auto wählen.
Will die Kommission
ein Tempolimit auf deutschen Autobahnen?
Auch hier lautet, wie bei der Frage nach
steuerlichen Anreizen, die Antwort: Es ist
Sache jedes einzelnen Mitgliedslandes zu
entscheiden, wie es das Ziel der Begrenzung
der Kohlendoxidemissionen erreichen will. Es
ist nicht meine Aufgabe, dies zu sagen. |